26.2.2020

Das Gebäude des ehemaligen Postamt 60 in der City Nord wurde verkauft und steht nun in akuter Gefahr, abgerissen und durch einen Neubau ersetzt zu werden. Dies ist umso bedauerlicher, als der von 1970 bis 1974 errichtete Gebäudekomplex ein wichtiges Zeugnis des bekannten Architektenpaares Prof. Friedrich und Ingeborg Spengelin ist, deren Werk gerade wiederentdeckt wird.

Das Postamt 60 im Bereich der Zentralen Zone der City Nord war seinerzeit der größte aller Postbetriebe in Hamburg mit 320 Mitarbeitern. Die Architekten konnten in der Planungsphase die Post überzeugen, keinen Schemabau, sondern ein differenziertes, den Funktionen und Betriebsabläufen optimal angepasstes Gebäude zu entwickeln.

Das Raumprogramm war umfangreich: Schalterhalle, Postfachanlage, Briefverteil- und Zustellersaal, Verwaltung, Vortragsraum, Betriebsrestaurant, Dienstwohnungen und eine „Postschule“ mit zwölf Klassenräumen waren unterzubringen. Das (heute leider durch Umbauten veränderte) Innere, insbesondere die Schalterhalle, war großzügig, hell und licht gestaltet. Das komplexe Innere ist in der differenzierten Gestaltung des Äußeren ablesbar: Charakteristisch ist die Waschbetonfassade mit horizontalen Fensterbändern. Der Baukörper ist abwechslungsreich gestaltet mit Auskragungen, Einschnitten, Vor- und Rücksprüngen sowie einer lebendigen Dachlandschaft mit Sheddächern, die viel Tageslicht ins Innere leiten. Besonders hervorstechend sind die vertikalen Sonnenschutzlamellen vor den Fenstern der ehemaligen Postschule im achten Geschoss.

Insgesamt ist dieser Bau eines der wenigen noch erhaltenen Hamburger Beispiele für den Brutalismus, der zudem eine unübersehbare Referenz zu Le Corbusiers Spätwerk herstellt. Ein Abriss des Gebäudes wäre somit ein großer Verlust für das Hamburger baukulturelle Erbe aus den 1960er/70er Jahren. Das Denkmalschutzamt hat sich bedauerlicherweise 2015 gegen eine Eintragung als Denkmal entschieden - ob die Bewertung heute noch dieselbe wäre ist nicht bekannt, aber nach Ansicht von Fachleuten zumindest in Frage zu stellen.

Historisches Foto: Hamburg und seine Bauten
Aktuelle Fotos: Sebastian Löder; Antipas Papageorgiou